Kirche im Raum Aachen
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Medizinischer Fortschritt

Die Möglichkeiten der Medizin sind weit fortgeschritten. Menschwerdung scheint heute frei gestaltbar – eine Entwicklung, welche die Kirche kritisch beobachtet und begleitet. Zugleich muss auch sie sich neuen ethischen Anfragen stellen.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 51/2015

Mehr Verständnis statt Automatismus

Medizin-Fortschritt stürzt viele Paare in ethische Zwickmühlen

In Kürze feiern die Christen die Menschwerdung Gottes. Die KiZ beleuchtet das Wunder der Menschwerdung in dieser Weihnachtsausgabe wörtlich. Wir interessieren uns für die drängenden Fragen, die es heute um das Entstehen und frühe Heranwachsen von Leben gibt. Ein Gespräch mit Dominik Groß.

Täuscht der Eindruck oder stellen sich heute Paaren, die Eltern werden wollen oder werden, mehr oder andere Fragen als in früheren Zeiten? 

Dieser Eindruck stimmt absolut. Und zwar gibt es aus zwei Richtungen neue Anfragen und Bedrängnisse. Zum einen haben sich die medizinischen Möglichkeiten rund um die menschliche Fortpflanzung erheblich erweitert. Zum anderen hat sich die Gesellschaft erheblich verändert, sie ist säkularer geworden und blickt mit anderen Augen auf Fragen von Leben und Tod, als dies die christlich geprägte Gesellschaft tat und tut. Beide Einflüsse sind auch noch miteinander verwoben und verstärken sich so, was die Situation für Paare in Entscheidungsnöten nicht selten deutlich erschwert. 

 

Welche medizinischen Fortschritte sprechen Sie jetzt an? 

Beispielhaft nenne ich die Pränataldiagnostik (PND) und die Präimplantationsdiagnostik (PID). Sie ermöglichen auf verschiedene Weise, Embryonen und Föten auf mögliche Erbkrankheiten zu untersuchen. Dazu gehört zum Beispiel das Down-Syndrom. Das Problem ist hierbei das ethische Dilemma, in das die Paare gestürzt werden, wenn die Diagnose nahelegt, dass ihr Kind möglicherweise mit einer Behinderung auf die Welt kommt. Sie stehen nun je nach ihrer persönlichen Haltung in einem schweren Gewissenskonflikt: Wollen sie ihr Kind so, wie es nun mal heranwächst, oder treiben sie es wegen der gesundheitlichen Einschränkung ab? Bei der PID kommt noch hinzu, dass es mehrere Embryonen „auf Probe“ gibt, von denen schließlich nur einer „mit guten Anlagen“ eingepflanzt wird und so bei günstigem Verlauf leben darf. neuen Technologien einen enormen Druck aus. „Das muss doch heute nicht mehr sein“, heißt es dann zum Beispiel bei Paaren, die sich bewusst für ein Kind mit Down-Syndrom entschieden haben. Oder man unterstellt der Mutter, sich während der Schwangerschaft verantwortungslos verhalten zu haben. Wegen dieses Klimas wächst die Entscheidungsnot betroffener Paare noch einmal. Mich besorgt der Automatismus, der hier entstanden ist. 

 

Was können Sie als Ethiker beitragen? 

Ich komme keinesfalls mit erhobenem moralischem Zeigefinger. Die großen Nöte und seelischen Zwickmühlen der Paare erkenne ich an. Als Ethiker kann ich nur möglichst sachlich, vorurteilsfrei und ergebnisoffen alle Vor- und Nachteile von Entscheidungen aufzeigen. Entscheiden müssen aber letztlich die Betroffenen selbst. Denn in der Medizin gilt schon seit längerer Zeit: Der Wille des Patienten – oder in diesem Fall des Ratsuchenden – hat die oberste Priorität. Auch wenn diese Gewichtung und die damit gewonnene Freiheit viele überfordert. 

 

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie unserer Gesellschaft im Feld der Menschwerdung wünschen? 

Dass unsere Gesellschaft menschliches Leben – auch vermeintlich „unperfektes“ – als das wertvollste Geschenk ansieht und Verständnis und Wertschätzung für alle Menschen aufbringt, die Kinder mit Handicaps in Liebe aufziehen oder die selbst Handicaps haben. Andererseits sollte man aber auch Verständnis aufbringen für Eltern, die sich nicht in der Lage sehen, eine solche Erwartung zu erfüllen. Letztlich geht es also vor allem um Toleranz und Offenheit für alternative Sichtweisen. 

 

Und was erwarten Sie in diesem Zusammenhang von der Kirche? 

Als Christ wünsche ich mir durchaus, dass die Kirche sich in moralischen Fragen zu Wort meldet und Orientierung gibt – allerdings ohne apodiktisch zu sein. Dass die Kirche etwa die jüngste Diskussion um die aktive Sterbehilfe kritisch kommentierte, konnte ich absolut nachvollziehen. Aber manchmal wünsche ich mir eine liberalere Haltung. Ich wünschte mir etwa mehr Verständnis für Eltern, die von einer PID Gebrauch machen wollen. Derartige Entscheidungen werden nicht leichtfertig getroffen, und wer Einblick in die schweren Schicksale betroffener Familien hat, wird ihr Verhalten nachvollziehen können. 

 

Was können wir Christen selbst tun? Was wäre Ihre Vision, gerade im jetzt begonnenen Jahr der Barmherzigkeit? 

Dass sich Kirchengemeinden um muslimische Flüchtlinge kümmern, finde ich beeindruckend. Ganz grundsätzlich wünsche ich mir eine Kirche, die weniger als in der Vergangenheit richtet und sanktioniert, sondern vielmehr ermutigt. Das gilt nicht nur für die eben genannten Fälle, sondern auch für den Umgang mit Geschiedenen, Homosexuellen, Suizidenten, kurz: allgemein mit Minderheiten oder mit Menschen, die moralische Gebote nicht erfüllen konnten oder andere Werte leben. Mein Idealbild ist also eine Kirche, die ohne strafenden Gott auskommt, die sich nicht zuvorderst als Hüterin und Verhinderin versteht, sondern als Ermöglicherin. Aber dieser Wunsch darf sich natürlich nicht nur an die Institution Kirche richten, sondern an alle Christen – Kirche ist Klerus und Volk, wir alle sind Kirche.  

 

Das Gespräch führte KiZ-Chefredakteur Thomas Hohenschue.   

 

Zur Person

Dominik Groß blickt mit 51 Jahren bereits auf eine bewegte wissenschaftliche Laufbahn als Medizinhistoriker und Medizinethiker zurück. Der gebürtige Saarländer ist seit 2005 Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Er engagiert sich als Vorsitzender des Klinischen Ethik-Komitees des Universitätsklinikums Aachen und in diversen berufsständischen und politischen Gremien. Er ist auch auf Bundesebene als Berater in medizinethischen Themen und Aufgabenstellungen gefragt.


Von KirchenZeitung für das Bistum Aachen

Veröffentlicht am 17.12.2015

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