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Im Hospiz am Iterbach bei Aachen entwickeln Seelsorger spirituelle Angebote für religiöse und nicht-religiöse Menschen

Das seelische Wohl der Menschen im Hospiz im Blick: Irmgard Icking, Martina Deckert und Paul Schnapp.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 07/2016

Die spirituellen Schmerzen lindern

Das Hospiz am Iterbach entwickelt heilsame Rituale für religiöse und nicht-religiöse Menschen

Die Seelsorger Irmgard Icking, katholische Theologin, sowie Paul Schnapp, evangelischer Pfarrer, begleiten im Hospiz am Iterbach Gäste (so werden die Bewohner hier genannt), Beschäftigte, Ehrenamtler und Angehörige. Sie entwickeln mit ihnen Rituale für eine interreligiöse Spiritualität.

Ist den Hospiz-Gästen ihre Religion wichtig?

Icking: Die wenigsten sagen, ich bin katholisch, evangelisch oder Buddhistin. Viele bringen eine Spiritualität mit, die nicht religiös gebunden ist. Schnapp: Und schon gar nicht kirchlich. Wir sind neugierig auf die Spiritualität jedes Gastes, ohne zu werten. Hospizliches Denken und konfessionelle Enge gehen nicht zusammen.

 

Welche Rolle spielt der Glaube beim Sterben?

Schnapp: Zunächst stehen die Krankheit oder das Wohlergehen von Angehörigen im Vordergrund. Irgendwann kommt die Frage: Was wird mit mir? Werde ich meinen verstorbenen Ehegatten wiedererkennen? Viele haben Angst, dass ihr Glaube sie im Sterben nicht trägt.

 

Was bedeutet interreligiöse Spiritualität?

Icking: Es geht nicht um Mischmasch, sondern darum, andere Religionen bewusst wahrzunehmen und deren Schätze zu sehen. So entdeckt man auch die eigene Tradition neu.

 

Zum Beispiel?

Icking: Den Rosenkranz. Dieses meditative Rezitieren gibt es auch in anderen Religionen. Im Hospiz sollen nicht nur körperliche, sondern auch spirituelle Schmerzen gelindert werden.

 

Was heißt das?

Icking: Es geht um die innere Befindlichkeit der Gäste, um schmerzhafte Gedanken wie: Ich fühle mich verlassen und ich weiß nicht, wie es weitergeht.Manchmal quälen Schuldgefühle oder offene Konflikte.

Schnapp: Im Hospiz sind auch Gedanken und Gefühle erlaubt, die man sich sonst verbietet. Manche Menschen sind froh, dass sie bald sterben, empfinden diesen Gedanken ihren Angehörigen gegenüber aber als Unrecht. Hier dürfen sie das sagen. Unsere Gäste spüren: Ich bin hier wirklich angenommen mit allem, was zu mir gehört, auch mit den Seiten, die ich selbst an mir nicht leiden kann.

 

Wie gehen die Mitarbeiter mit dem spirituellen Schmerz der Gäste um?

Icking: Jeder, der im Hospiz arbeitet – Pflegende, Hauswirtschaftler, Ehrenamtliche – ist eingeladen, seine eigene Spiritualität zu reflektieren, um für die der Gäste offen zu sein. Wir entwickeln gemeinsam Rituale, um uns gut von den Verstorbenen zu verabschieden.

 

Wie sehen diese Rituale aus?

Icking: Alle zwei Monate gibt es eine Feier, in der die Namen der zwischenzeitlich Verstorbenen von den Mitarbeitern vorgelesen werden. Jeder kann zu ihnen sagen, was ihn berührt. Symbole sind dabei wichtig. Für jeden Verstorbenen wird ein bunter Stein ausgesucht und in ein Mosaik eingefügt, das im Raum der Stille seinen Ort hat. So geht in der Erinnerung keiner verloren.

Schnapp: Diese Feiern sind auch für die Angehörigen wichtig. Manche können dabei zum ersten Mal trauern und weinen. Das Hospiz ist ein Ort der Trauerbewältigung. Als Seelsorger geben wir Impulse, die helfen, die Schleusen für Tränen und Leid zu öffnen.

 

Sie laden auch Künstler ins Hospiz ein.

Icking: Ja, bei unseren Wohnküchen-Konzerten. Die jungen Tänzerinnen einer Ballettschule tanzten fröhlich, spürten aber die Gebrochenheit und Bedürftigkeit hier. Anschließend haben sie gesagt: „Das war schwer, aber es war schön.“

 

Gibt es eine Kapelle?

Icking: Bei uns ist das der Raum der Stille – er ist hell und offen gestaltet. Ein spiritueller Ort für Menschen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und für Menschen, die sich nicht als religiös verstehen. Wasser ist das zentrale Symbol, das hier wie der „Fluss des Lebens“ als Wasserfall über einen Felsen fließt. Das Gespräch führte Paul Heesel.


Veröffentlicht am 10.02.2016

 
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